© sz-online
Freital, 01.08.01
Licht am anderen Ende
Gestern in Dölzschen: Tunneldurchbruch als feierlicher Akt
Von Christina Avdi

"Frühstück in Prag" - mit diesem Spruch warben Parteien 1998 für den Bau der Autobahn von Dresden nach Tschechien. Bis es so weit ist, lädt die SZ zum "Frühstück" an der Autobahn ein. Heute im Tunnel Dölzschen, wo das letzte Stück bis zum Tageslicht durchbrochen wurde.
So ungefähr muss sich Jonas im Bauch des Walfisches gefühlt haben - Dunkelheit, feuchte Luft und ein ungewisses Ende. Nur ist das hier keine biblische Geschichte sondern Wirklichkeit: Im Dölzschener Tunnel drängelt sich eine schier unendliche Menschentraube vor einem Podium. Es ist dunkel, obwohl einige Neonlichter den steinigen Weg ausleuchten. Die Luft ist schwül feucht, aber angenehm kühl im Gegensatz zur heißen Sommerluft draußen, und nach einem knappen Kilometer ist Schluss. Die Massen sind an einer Wand angekommen.
Es ist Dienstag, 10.30 Uhr vormittags und in einer Stunde soll die Patin des Autobahn-Tunnels, Gabriele Schommer, in einem feierlichen Akt das letzte Stück Wand mit Hilfe eines Baggers einreißen und Tageslicht einfluten lassen. Knapp 700 Menschen drängeln sich um das Podium und hören anfangs noch interessiert, doch nach einer Stunde eher unruhig den langen Festreden der Ehrengäste zu.
Dann ist es endlich so weit. Die Ehefrau des sächsischen Wirtschaftsministers Kajo Schommer wünscht den Bauarbeitern weiterhin viel Glück und Erfolg. "Tatsächlich hatten wir Fortuna auf unserer Seite", sagt Christoph Berger von der Bauleitung. "Wir hatten bis jetzt keinen nennenswerten Unfall beim Tunnelbau."
Nach dem Segen der kirchlichen Vertreter und den Glückwünschen der Gäste, steigt Gabriele Schommer gemeinsam mit einem Bauarbeiter in den Spezialbagger. Mit Feuerwerk und Knallkörpern, die eine Sprengung nachahmen sollen, legt der Bagger los und stößt mit Kraft gegen die Wand. Sie fängt an zu bröckeln. Nach ein paar Minuten kann man das Ende des Tunnels erkennen und endlich Tageslicht sehen.
"Das ist ja Beschiss" grummelt ein Pesterwitzer Anwohner, und zeigt auf die sichtbaren Bretter, die die Betonwand hielten, um das Tunnelende zu verhüllen. Er hat von Anfang an den Tunnelbau, wie auch das Aufstellen der Weißeritzbrücke mit regem Interesse verfolgt. "Ich wohne in der Nähe, habe sozusagen die Sprengungen erlebt und die Hupen tagtäglich gehört" sagt er und meint das laute Signal der Rückfahrtsicherung an den Lastwagen. Da es im Tunnel dunkel und laut ist, kann so ein lautes Hupen dahinter stehende Menschen schnell warnen. Nun ist er hier, hat die Fotokamera gezückt und wollte den letzten Durchbruch erleben.
"In Wahrheit sind wir schon vor zwei Wochen bis zum Weißeritztal durchgebrochen" sagt Christoph Berger, "und haben gehofft, dass die Brücke dann soweit fertig ist, dass wir mit einem symbolischen Akt hätten darüber fahren und sozusagen auf der anderen Seite zum Coschützer Tunnel durchbrechen können." Doch der Bau der Brücke hat sich verzögert. Aus Sicherheits- und Zeitgründen hat man sich dann entschlossen, den Tunneldurchbruch feierlich nachzustellen. Die meisten Besucher sind trotzdem begeistert, klettern voller Erwartung durch das Loch, sammeln sich vor dem Tunnelende, etwa 30 Meter über dem Talgrund und erspähen einen Teil der Metallkonstruktion der Weißeritzbrücke.